Deutsche Nationalmannschaft vs Italien – Ein Spiel der Taktikexperten

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Deutschland gegen Italien. Das sorgt für explosionsartige Spannung. Wenn diese beiden Fußballnationen aufeinandertreffen, versammeln sich Taktik-Experten vor dem Fernseher, um die wahrscheinlich besten taktisch ausgebildetsten Fußballnationalmannschaften der Welt unter die Lupe zu nehmen. Die deutsche Nationalmannschaft steht für Offensivpower, Italien traditionell für defensiven Catenaccio Fußball.

Die deutsche Nationalmannschaft ist die Jüngste der EM

Der EM-Kader der deutschen Nationalmannschaft 2016. (Screenshot:YouTube/SPOX)
Der EM-Kader – Deutsche Nationalmannschaft 2016. (Screenshot:YouTube/SPOX)

Am kommenden Samstag um 21:00 Uhr ist es soweit. Deutschland trifft im EM-Viertelfinale auf die Squadra Azzurra, die zuvor Spanien aus dem Turnier geschossen hat. Gleichzeitig ist es das Duell Jung gegen Alt. Deutschland weißt mit einem Altersdurchschnitt von 25,4 Jahren die jüngste Mannschaft des Turniers auf. Italien hingegen repräsentiert mit einem Durchschnitt von 28,5 Jahren die viertälteste Mannschaft des Turniers und die älteste Mannschaft der noch verbleibenden Mannschaften.

Soccers.biz erklärt, für welche taktischen Varianten Löw sich entscheiden könnte und welche Auswirkungen diese auf die Zusammensetzung der Spieler bedeutet.

Angstgegner Italien kommt über den Kampfgeist

Eines ist klar. In einem Viertelfinale können oft nur Kleinigkeiten über Sieg oder Niederlage entscheiden. Gegen die Taktikfüchse aus Italien könnte die richtige Taktik dadurch ein erfolgsversprechender Garant für einen Sieg sein. Doch welche taktischen Optionen hat Löw überhaupt?

Nationaltrainer Conte wird wie auch bei Juventus Turin mit einem 5-3-2 System agieren. Dabei sticht vor allem das in Europa berüchtigte Abwehrbollwerk Barzagli (35), Bonucci (29) und Chiellini (31) heraus. Die Außenverteidiger bekommen dabei eine Spezialrolle, weil sie bei Ballbesitz einen offensiven Mittelfeldspieler geben, und bei gegnerischem Ballbesitz sich in das Abwehrbollwerk einreihen. Dadurch wird das eigene Spiel in die Breite gezogen, und das gegnerische offensive Spiel deutlich eingeengt.

In der Offensive spielt Italien mit zwei Sturmspitzen (Pelle und Edgar) die jedoch längst kein Weltklasseformat besitzen. Das schein jedoch keine Rolle zu spielen. Italien wird wie immer über den Kampfgeist und der mannschaftlichen Geschlossenheit kommen. Tugenden, die die deutsche Mannschaft auch verinnerlicht. Mit der richtigen Taktik könnte den leidenschaftlich kämpfenden Italienern der Zahn gezogen werden:

Variante A: 4-2-3-1 System

Zum Einen könnte Löw sich für das seit Jahren wohlbewehrte 4-2-3-1 System entscheiden, mit dem „Die Mannschaft“ vor zwei Jahren in Brasilien eindrucksvoll Weltmeister wurde. Die komplette Mannschaft ist bestens auf das System eingespielt, auch wenn die Notwendigkeit bestehen würde, auf verschiedenen Positionen wechseln zu müssen. Mit Neuer, Boateng, Hummels, Kroos, Khedira, Müller und Özil steht das Gerüst der Mannschaft fest. Löw wurde mit den Spielern in der Startelf Weltmeister und wird auch weiterhin auf sie als Führungsspieler setzen. Die anderen Positionen sind jedoch heftig umworben. Sowohl auf den Außenpositionen in der Abwehr, im linken offensiven Mittelfeld und auf der Stürmerposition muss sich das Trainerteam zwischen mindestens zwei Kandidaten entscheiden:

Abwehr: Wer spielt neben Boateng und Hummels?

Vieles hängt davon ab, ob Hector sich rechtzeitig von seinem grippalen Effekt erholt, was danach aussieht. Wenn nicht, stellt sich die Abwehr von selber auf, da Höwedes als einziger Ersatz in Frage kommen würde und Kimmich dadurch automatisch die rechte Außenverteidigerposition einnehmen würde. Ansonsten müsste sich Löw zwischen dem zuletzt stark auflaufenden Kimmich, der auch Druck nach vorne machen kann, und dem erfahrenen Defensivspezialisten Höwedes entscheiden.

Unser Tipp: Da Italien nur mit einem Spieler auf den Außenbahnen agiert und sich Kimmich in einer hervorragenden Verfassung befindet, um auch zusätzlichen Druck auf das Abwehrbollwerk aufzubauen, wird sich Löw wahrscheinlich eher für Kimmich als für Höwedes entscheiden. Als Alternative könnte Höwedes zunächst auflaufen, und dann für Kimmich ersetzt werden, wenn mehr Offensivpower gefordert werden sollte.

Mittelfeld: Wird Schweinsteiger die Mannschaft anführen?

Mannschaftskapitän Bastian Schweinsteiger soll bei 100% angelangt sein. Seine Erfahrung ist wichtig in so entscheidenden Spielen. Auf seiner Lieblingsposition, dem defensiven Mittelfeld, wird er jedoch kaum auflaufen. Das zentrale Mittelfeldduo Kroos und Khedira ist bestens eingespielt und zeigt sich in hervorragender Verfassung. Vorstellbar wäre, dass Löw ihn als 10 mit defensivaufgaben auflaufen lässt. Damit hätte die deutsche Nationalmannschaft mehr Kontrolle und Sicherheit im Mittelfeld auch wenn ein wenig Kreativität abhanden kommen würde, da dadurch Draxler oder Götze aus der Elf verdrängt werden würden. Müller und Özil würden die Außenpositionen belegen, ohne statisch auf ihren Positionen zu „kleben“.

Ansonsten würde Özil wieder die 10er Position übernehmen und auf Linksaußen ein kreativer Spieler wie Götze oder Draxler wirbeln. Nach dem klasse Auftritt gegen die Slowakei hat Draxler wohl eher die Nase vorne. Doch auch Götze kann sich berechtigte Chancen einräumen, da er gegen tiefstehende Italiener auf engem Platz sich zu behaupten weiß. Draxler hingegen benötigt mehr Raum für seine Dribblings, wie der ehemalige Mannschaftskapitän und unumstrittene „Leader“ Michael Ballack kürzlich in seiner Kolumne im Kölner Express analysierte.

Unser Tipp: Schwer vorauszusagen. Löw ist gerade im Mittelfeld immer für eine Überraschung gut. Da Draxler der entscheidende Mann im Achtelfinale war und restlos überzeugte, sehen wir Draxler mit leichten Vorteilen, da er zudem auch mit scharfen hereingaben für zusätzliche Torgefahr sorgen kann.

Sturm: Mario oder Mario? Traditionelle Sturmspitze oder Falsche 9?

Im Sturm fällt die Entscheidung leichter. Mario Gomez zeigt sich in einer hervorragenden Verfassung. Nach seiner grandiosen Saison bei Besiktas Istanbul konnte er auch in den letzten Freundschaftsspielen vor der EM und in den letzten beiden EM spielen restlos überzeugen. Vor allem weiß Gomez, wo er als Stürmer zu stehen hat und kann sich gegen kräftige Abwehrrecken wie Barzagli, Bonucci und Chiellini behaupten, die er nebenbei bestens aus seinen zwei Jahren in Florenz kennt. Gomez sticht nicht nur als Torgarant hervor, sondern treibt die Mannschaft durch seine Erfahrung und seiner positiven Körpersprache immer wieder nach vorne. Mario Götze hingegen könnte durch seine quirlige Spielweise für Unruhe in der italienischen Abwehr sorgen, sollte er die Möglichkeit bekommen, Bälle in den Fuß angespielt zu bekommen ohne das gleich zwei Italiener neben ihm stehen. Im WM-Finale 2014 hat er gezeigt, wie wichtig er für die deutsche Nationalmannschaft sein kann. Das wird Löw nicht vergessen haben.

Unser Tipp: Löw benötigt gerade im Spiel der Italiener einen Spieler der Präsenz vorne ausstrahlt und einen Gegenpol zu den kräftigen Abwehrspielern bildet. Die Zeiten der Falschen 9 haben zudem auch langsam abgedankt. Gomez wird aller Voraussicht nach am Samstag die alleinige Sturmspitze für die deutsche Nationalmannschaft bilden.


Die potentielle Aufstellung der DFB-Elf am Samstag im Viertelfinale der EM gegen Italien als 4er-Kette Variante:

Neuer

Kimmich/Höwedes – Boateng – HummelsHector/Höwedes

Kroos – Khedira

Müller – Özil – Schweinsteiger/Draxler/Götze

Gomez/Götze


Variante B: 5-4-1 System

Löw hat einige Male das von Italiens Nationaltrainer Conte zur Perfektion praktizierte System mit einer 5er Abwehrkette ausprobiert. So auch im, zugegeben wenig aussagendem, Testspiel im März diesen Jahres gegen die Italiener, als man souverän mit 4:1 gewann.

Abwehr: Kimmich ist gesetzt – wird Hector rechtzeitig fit?

Damals bildeten Rüdiger, Boateng und Mustafi die „Innenverteidigung“. Sollte Löw sich tatsächlich für das System entscheiden, würden Voraussichtlich sowohl Höwedes als auch Kimmich in der Startelf stehen. Wenn Hector fit wird, rückt Höwedes neben Boateng und Hummels in die Innenverteidigung, der mehr Vertrauen als Valencias Mustafi vom Trainerteam zugesprochen bekommt. Sollte Höwedes jedoch Hector auf Links ersetzen müssen, so würde Mustafi in die Innenverteidigung rücken. Kimmich wäre auf jeden Fall rechts gesetzt.

Unser Tipp: Hector wird auf Links auflaufen können, sodass Höwedes in die dreier Innenverteidigung vorrückt und Kimmich den Rechtsverteidiger geben wird. Klare Angelegenheit!

Mittelfeld: Der Stamm steht

Im Mittelfeld sind Weltmeister Müller, Kroos, Khedira und Özil so gut wie unantastbar, auch wenn Kapitän Bastian Schweinsteiger in die Startelf drückt. Da das Mittelfeld nur aus vier Spielern bestehen würde, würden diese vier Führungsspieler auflaufen, die Teil des Gerüstes der Stammmannschaft sind. Schweinsteiger könnte im Spielverlauf durchaus Khedira ersetzen, um dem Spiel einen offensiveren Touch zu verleihen.

Sturm: Traditionelle Sturmspitze oder Falsche 9?

Wie bereits in Variante A ausgiebig beschrieben, wird der physisch stärkere Mario Gomez wahrscheinlich den Vorzug vor Dribbelkünstler Mario Götze erhalten. Alles andere wäre eine kleine Überraschung, für die Bundestrainer Löw bekanntlich aber immer wieder zu haben ist.


Die potentielle Aufstellung der DFB-Elf am Samstag im Viertelfinale der EM gegen Italien als 5er-Kette Variante:

Neuer

KimmichHöwedes/Mustafi – Boateng – HummelsHector/Höwedes

Müller – Kroos – Khedira –Özil

Gomez/Götze


Ballack glaubt an einen Sieg der DFB-Elf

Zur 5er Kette äußerte sich Abwehrspieler Hummels neutral: „Wir können das spielen. Ich spiele, was der Trainer vorgibt.“ Der Trainer lässt sich jedoch nicht in die Karte gucken. Für welche Aufstellung sich Löw letztendlich entscheiden wird, wird sich am Samstag zeigen. Die letzten Eindrücke in den Trainingseinheiten werden sicherlich auch noch eine Rolle spielen, auch wenn das Konzept steht. Bayern München hat in der Champions League vorgemacht, wie man das Abwehrbollwerk und Welttorhüter Gianluigi Buffon knacken kann. Michael Ballack glaubt fest an einen Sieg der deutschen Nationalmannschaft, während der italienische Trainerstar Carlo Ancelotti von einem 50:50 Spiel ausgeht. Am Ende wird die Tagesform und vielleicht ein wenig Glück die Partie entscheiden.

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